Frankfurter Rundschau
26.6.2003 |
Alternativtour durch die grüne
Hölle
Wie der Asphalt der Nürburgring-Nordschleife einem
Inlineskater erst den Unterschenkel und dann das Hirn
verbrennt / Ein Erfahrungsbericht
Das Reh gaukelt eine Idylle vor. Doch
ich bin in der Hölle. Mittendrin in der grünen
Hölle. Mit großen Augen schaut Bambi herüber,
um dann Reißaus zu nehmen. Ein Typ, der sich so
leise auf der berühmt-berüchtigsten Rennstrecke
der Welt bewegt, kommt dem Tier verdächtig vor.
Das Reh jenseits der Leitplanken ist zwischen Kesselchen
und Klostertal eher an volle Dröhnung gewöhnt.
Doch es summt nur leise. Acht Rollen, Kugellager
Abec 5 - und die Lungenflügel pfeifen. Ein
bisschen Blut fließt auch. Am nächsten Tag
wird der nette Herr Dr. Krieter im Medical Center des
Fahrerlagers am Nürburgring seiner Helferin folgendes
diktieren: Kindskopfgroßes Hämatom am Oberschenkel
links, kleiner Bluterguss an der Hüfte links, zwei
Schnittwunden am linken Knie, schwere Hautabschürfungen
am Unterschenkel, ebenfalls links. Es gibt einen Verband
am Knie, und die Mischung aus schwarzen Asphaltkörnchen
und abgeschabter Haut wird in einem Liter Wasserstoffsuperoxid
ertränkt.
An jenem Abend war es keineswegs so heiß, dass
mir schon beim Start am Pflanzgarten die Gehirnzellen
verbrannt wären. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich
auch noch nicht vor, 20,8 Kilometer durch die Eifel
zu skaten. Eine kleine Tour zum Ausspannen
vor dem Formel-1-Rennen sollte es werden. Fliegend
durch den Schwalbenschwanz, hinauf zur Döttinger
Höhe, zum alten Start und Ziel (mit 620 Metern
der höchste Punkt der Strecke), halt ein wenig
Camper gucken und dann wieder zurück. Prima Belag,
super Grip. Es rollt vorbei an den Fans, die auf dem
Grünstreifen links und rechts des Asphaltbandes
ihre Zelte aufgeschlagen und ihre Wohnmobile geparkt
haben. "Hier sind nur 50 erlaubt", ruft einer
und lässt wegen der vorbeirollenden Abwechslung
fast die Rindswurst vom Grillrost fallen.
Sechs Kilometer bis zur Hatzenbach geht es gut voran.
Zu gut, denn hier, wo sich der alte Ring und die neue
Rennstrecke sehr nahe kommen, sticht mich plötzlich
der Hafer. Warum nicht einmal rund um die bekannteste
Motorsportrennstrecke dieser Welt auf Inlineskates.
Knapp 15 Kilometer noch, das kann doch nicht so schlimm
sein. Ich lass' die Dinger laufen. Drüben geht
es schon wieder bergan. Dumm nur, dass plötzlich
hinter mir das Auto der Streckenaufsicht auftaucht und
vorne ein Spätankömmling gerade sein fahrbares
fünf Meter langes Wohnzimmer einparken will. Ich
fahre mindestens 50 Stundenkilometer, wenn nicht 53.
Blitzschnell nehme ich den Notausgang. Scharfe Linkskurve.
Gekonnter
Satz auf die Auslaufzone und dann graben sich die Rollen
mitsamt 83 Kilogramm Lebendgewicht in den weichen
Boden ein. Die Schwerkraft siegt. Die Hüfte
knallt an die fast mannshohe Leitplanke. Es rappelt
heftig, und gerade als ich beginne Knochen- und Wunden
zu zählen, höre ich die schwankenden Bierdosenhalter
um mich herum grölen: "Eh, das war geil. Ein
echt cooler Crash. Kannste das noch mal machen."
Tut gar nicht weh. Nix wie weiter. Am Schwedenkreuz
endet der provisorische Campingplatz. Von nun wird es
einsam. Zeit um Wunden zu lecken. Zwei freundliche
Zeitgenossen haben das bisschen Blut fließen sehen
und ruckzuck ihre halbe Küchenrolle herausgerückt.
Mit einem Wisch hinein in die Fuchsröhre. So viel
Übermut bei heftigem Gefälle wird hart bestraft.
Mir geht, ohne Helm, ohne Ellenbogenschutz und mit
nackten Knien, bei weit überhöhter Geschwindigkeit
der Grip aus. Dreher, Sturz und Ausrutscher. Ich
bremse mit dem Unterschenkel links, der linken Pobacke,
und die einzige nicht körperliche Bremsscheibe
ist die Bermudahose. Jetzt ein Fall für die Altkleidersammlung.
Es brennt im Adenauerforst. Beine und verlängerter
Rücken stehen in Flammen. Wenn ich noch halbwegs
bei Verstand gewesen wäre, wäre ich jetzt
umgekehrt. Der Kopf war bei den beiden Ausritten ins
Gelände zwar heil geblieben, aber hinter der harten
Schale waren die Sicherungen bereits durchgebrannt.
Durchhalten, durchkämpfen durch die Mörderschleife.
Von den beinahe 170 Kurven hatte ich nicht einmal
ein Drittel genommen und beim stetigen bergauf, bergab
über Metzgesfeld, Kallenhard, Wehrseifen, Einfahrt
Breidscheid (mit 320 Metern über dem Meer der tiefste
Punkt der Strecke ) dämmert es mir so langsam.
Das wird ganz hart. Denn in der grünen Hölle
sind die Anstiege für Menschen auf Rollen giftig
und die Abfahrten gefährlich. Aufwärts kommt
der Hobbysportler nicht recht voran und abwärts
heißt es immer schön Serpentinen fahren,
ganze Fahrbahnbreite nutzen und immer geduldig links
herum, rechts herum, links herum, rechts herum - und
bloß nix fallen lassen. Im Klartext: Selbst bei
den bis zu elf Prozent steilen Abfahrten lege ich Kilometer
für Kilometer nur im Schneckentempo zurück.
Also kräftig durchatmen. Am Bergwerk schiebe
ich eine Gedenkminute für das Ohr von Niki Lauda
ein, das sich hier vor 27 Jahren in Rauch auflöste.
Mir tun die Füße weh. Die Oberschenkel
brennen. Innerlich bin ich bereits blau angelaufen.
Komme ich hier überhaupt heil raus. Der Atem wird
immer kürzer. Die endlosen Tannenwälder werden
immer dunkler und die verdammten Kurven immer enger.
Die ersten Halluzinationen stellen sich ein. Ich bin
am Kesselchen zwar meilenweit davon entfernt, aber ich
glaube fest, Autos auf der Bundesstraße 412 zu
hören. Dort auf dem Parkplatz steht mein Auto.
Hinter jeder Ecke vermute ich die letzte Abfahrt hinab
zum Pflanzgarten. Gerade als ich die letzten Glückshormone
aktiviert habe und felsenfest davon überzeugt bin,
jetzt kommt die Zielgerade, erhebt sich vor mir das
Schild "Achtung Steilstrecke." Ich
werde depressiv und habe große Lust, das
mächtige Schloss am Bretterverhau mit dem Namen
Caracciola-Alm zu knacken. Da drin gibt's bestimmt eine
Liege.
Ich kapituliere. Ich ziehe die Skater nach dem
Karussell aus und laufe auf dem Grünstreifen zu
Fuß zur Hohen Acht. Gerade als ich wieder ins
Rollen komme, überholt mich zum zweiten Mal ein
Polizeiauto. Die Beamten schauen noch verstörter
als das Reh. Meine Reaktion ist lethargisch, dabei wäre
ich gerne in der grünen Minna mitgefahren.
Ausgetrocknet quäle ich mich über
den Wippermann, Eschbach zum Brünnchen. Da ist
sie die Bundesstraße. Aber noch eine Steigung,
noch eine zittrige Abfahrt, einmal noch auf die Zähne
beißen und dann mit letztem Mut laufen lassen.
Pflanzgarten. Zu kaputt, um auch nur den Hauch von Freude
zu spüren. Einfach nur erleichtert.
Ich bin raus aus der Hölle.
Von Jürgen Ahäuser (Adenau)
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